1 Zielsetzung
Mit der Pandemie des Covid-19 Virus wurden Be- und Entgrenzungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens
offen sichtlich verhandelt. Ziel meines Projektvorhabens war es, diese zu dokumentieren und in eine
fotografische Bildsprache zu übersetzen. Die Städte des Ruhrgebiets sollten exemplarisch den dafür
nötigen Rahmen liefern.
Angesichts kollidierender Positionen innerhalb der Bevölkerung stellten sich zunächst Fragen nach der
Bedeutung von Öffentlichkeit und Privatheit für das Selbstbild einer Gesellschaft. Wenn jeder Mensch
eine potenzielle Bedrohung darstellt, möchten wir zukünftig Räume mit Anderen teilen?
Untergräbt ein Niedergang des allgemein Öffentlichen zugunsten persönlicher Einzelkonstruktionen die
Auseinandersetzung über einen gesamtgesellschaftlich ausgehandelten Horizont?
Konkret: Führt die Verdrängung pluraler Städte durch austauschbare Symbol- und Markenräume zum
Verschwinden von Toleranz gegenüber konkurrierenden Vorstellungen und verhindert tatsächliche
Konsensbildung?
Um zu verstehen, auf welchen soziohistorischen Unterbau die Pandemie traf und welche latenten
Verhaltensmuster dadurch nachhaltig in Infrastruktur, Architektur und Stadtplanung übertragen,
verstärkt oder unterdrückt werden könnten, musste zunächst eine theoretische Grundlage geschaffen
werden.
2 Durchführung
2.1 Recherche und Formulierung einer Arbeitsthese
Seit dem Beginn des Stipendienzeitraums im August 2020 wurde dem persönlichen Erleben der Pandemie, die
mediale Berichterstattung und grundlegende Arbeiten der Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie
wechselwirkend gegenübergestellt.
Eine zentrale Rolle spielten dabei:
Charles Taylor - Quellen des Selbst
Hannah Arendt - Vita Activa
Paul Virilio - The Information Bomb
Elias Canetti - Masse und Macht
Max Weber - Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
Aus diesem Zusammenspiel entwickelte sich die für meine Arbeit zentrale These, dass soziale Konflikte
während der Pandemie auf ein Auseinanderstreben allgemein gültiger und breit akzeptierter Ordnungen
zurückzuführen ist. Statt sich auf gemeinsame Hintergründe zu einigen, gewinnt - parallel zur
Wirklichkeitsvermittlung über mobile Displays - die Betrachtung unserer Umwelt durch individuell
verschobene Perspektiven eine zunehmende Bedeutung.
Sobald grundlegende Vorstellungen des gesellschaftlichen Lebens, die zuvor durch institutionellen
Konsens unter ähnlich zugänglichen Vorzeichen und Interessen bestimmt wurden, nur noch durch den Index
der individuellen Wirklichkeitskonstruktion betrachtet werden, kann eine generelle Verständigung
darüber, was ist und worauf wir uns zukünftig einigen möchten, langfristig erschwert werden.
Diese These sollte nun in der Praxis über den Nachvollzug von individuellen und institutionellen
Handlungsmustern durch das Medium der Fotografie in eine visuelle Sprache übersetzt werden.
2.2 Fotografie
2.2.1 Zersplitterung des politischen Raums
Ausgangspunkt meiner fotografischen Untersuchung waren Rathäuser des Ruhrgebiets in Oberhausen,
Gelsenkirchen, Marl, Herten, Essen, Castrop-Rauxel und Dortmund. Diese repräsentieren gleichzeitig
Zentren des geografischen Stadtraums sowie der demokratischen Entscheidungsbildung.
In chronologischer Reihenfolge wirken diese darüber hinaus als architektonische Verkörperungen der
gesellschaftspolitischen Ideale ihrer jeweiligen Bauperioden von 1930 bis in die Gegenwart.
Durch den Einsatz verschiedener fotografischer Filmmaterialien (S/W Negativ, Farbnegativ und Farbpostiv)
und Filmformate (4x5“ Großformat, 6x7 Mittelformat und Kleinbild) sowie in den fotografischen Prozess
eingeschobene Glasscheiben wurde der theoretische Ansatz der Vervielfältigung von Perspektiven
visualisiert. Das ursprünglich eindeutige Bild des Rathauses als demokratischem Zentrum wurde so
schrittweise durch die Verkleinerung des Filmformats in einzelne Teilbilder fragmentiert, auf der
Bildebene verschoben und abschließend durch Spiegelungen im Glas mit halbtransparenten Reflexionen der
Umgebung überlagert. Die vormals einheitliche Sicht wandelt sich zur bruchstückhaften Wahrnehmung durch
auseinanderstrebende Partikularinteressen. Im Ergebnis entstand so ein mehrfach gebrochenes Bild einer
fragmentierten Gesellschaftsordnung.
2.2.2 Dezentralisierung der Wohn- und Lebensräume
Im folgenden Schritt sollte der Fokus auf die umgebenden Lebens- und Wohnräume erweitert werden.
Den Rathäusern wurden zuerst Fotografien von Einkaufszentren in Marl, Herne, Mülheim an der Ruhr, Essen
und Bochum als städtischen Zentren der Gegenwart gegenübergestellt. Die Shopping-Mall verschiebt den
Schwerpunkt gesellschaftlichen Lebens von der Politik in die Ökonomie und öffentliche Begegnungsorte hin
zu privatrechtlich regulierten Erlebnisräumen.
Exemplarisch dafür steht die „Neue Mitte“, die einige Kilometer vom historischen Stadtkern Oberhausens
entfernt Einkaufszentrum, Eventindustrie und Arbeit miteinander verbindet.
In der Fotografie des städtischen Wohnraums wirkt der Verfall zukunftsweisender Projekte des
verbindenden sozialen Wohnungsbaus der Nachkriegszeit wie dem Hügel in Marl, dem Hannibal in Dortmund
und dem Girondelle in Bochum als offensichtlicher Kontrast zur horizontalen Aufspaltung des Wohnens über
das Reihenhaus hin zum heutigen Ideal des vorstädtischen Einfamilienhaus.
Für die Darstellung gesellschaftlicher Atomisierungsprozesse wurde auch hier die Wahl unterschiedlicher
Filmmaterialien als Stilmittel fortgesetzt. Großformat-Positive der Einkaufszentren schaffen eine
visuelle Verbindung zum ungebrochenen Ausgangsbild der Rathäuser.
Mittelformat Positivfilm, welcher genutzt wurde, um das zusammengesetzte Schlussbild der Rathäuser zu
bilden, wird nun verwendet, um Cluster bestehend aus einzelnen Einfamilienhäusern zu formen.
2.2.3 Verhandlung der Oberfläche
Der so konstruierte gesellschaftliche Unterbau wurde im letzten Schritt mit Bildern jener flüchtigen
Spuren ausgefüllt, welche die Pandemie aktuell in den Städten hinterlässt. Subtile Trennung wurde hier
zumindest kurzfristig offengelegt und physisch erfahrbar. Kleinformatige Fotografien von aufgebrochenen
oder überlagerten Oberflächen wechseln sich ab mit gläsernen Trennwänden, Bodenmarkierungen zur
Abstandswahrung oder leer stehenden Geschäftsräumen. Diese Einschreibungen existieren fragil auf der
Schwelle zwischen Auflösung und dem Übergang in dauerhafte Infrastrukturen.
3 Ergebnis
Durch die Arbeit am Projekt des MKW Stipendiums hat sich mir die Möglichkeit geboten, meine Heimatregion
fern der üblichen funktionalen Wege in ihren Nischen und abseits der sonst gängigen Sehenswürdigkeiten
zu erfahren. Entgegen meines ursprünglichen Vorhabens, einzig die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie zu
dokumentieren, konnte die Arbeit darüber hinaus auch bestimmen, auf welchen Hintergrund diese traf.
Dadurch ergab sich eine vielleicht auf den ersten Blick uneindeutige, jedoch nach meiner Erfahrung
angemessenere Darstellung der Komplexität unserer gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer
Herausforderungen.
Mein Arbeitsprozess der Fotografie und Verfremdung nahm vor Ort meist mehrere Stunden in Anspruch.
Besonders in dieser Zeit geriet ich des Öfteren in Austausch mit interessierten Menschen, die in teils
kurzen, teils ausführlichen Gesprächen ihre eigenen Pandemieerfahrung oder ihr Verhältnis zur kommunalen
Politik mitteilten.
Es fiel auf das besonders der öffentliche Raum um die Rathäuser, der daran angrenzenden Stadtparks und
des Nahverkehrs von vermeintlich einkommensschwachen Bürgern genutzt wurde. Hingegen lässt ein Fehlen
der Vermögenderen auf einen Rückzug in großflächiges Wohneigentum, Individualverkehr sowie privat
regulierbare Konsumräume schließen.
Da die Pandemie bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt anhält und damit noch über den erwarteten Zeitraum
hinaus wirkt, wurde die Fotografie des Projekts noch bis in den Juni 2021 hinein verlängert. Der Denk-
und Arbeitsprozess ist begleitend auf meiner Website veröffentlicht.
Die Möglichkeit, mich über diesen langen Zeitraum ausschließlich mit einem Thema auseinandersetzen zu
können, hat mich in meiner Arbeit enorm gefördert und mein Verständnis komplexer Gesellschaftsprozesse
gestärkt.
Ein Rückzug in die Sphäre des Privaten, so mein Fazit, kann zwar kurzfristigen Schutz versprechen, der
Schritt in den öffentlichen Raum und die Auseinandersetzung mit dem unerwartet ungeplant Anderen scheint
jedoch langfristig unausweichlich für die nachhaltige Bestimmung des Selbstbildes einer funktionierenden
Gesellschaft und der Identifikation mit ihren moralischen Standpunkten.
Eine Erhaltung und vielfältige Nutzung dieser Räume sollte daher unbedingt gewährleistet bleiben. Ich
hoffe mit meiner Arbeit einen Teil zu dieser Einsicht beitragen zu können.